Die Farben dazwischen

Dr. Carmen Oberkrome ist Fachärztin für Allgemeinmedizin sowie für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie führt die Zusatzbezeichnungen Palliativmedizin und Spezielle Schmerztherapie. Seit 2011 ist sie im Alexianer Krankenhaus Aachen tätig. Nicht zuletzt die Erfahrungen aus der Palliativmedizin, die sie mitbrachte, zeichneten ihren Weg in unser Ethik-Komitee vor. Ein Protokoll:

„Im Ethik-Komitee kümmern wir uns um ethisch schwierige Situationen, die in allen Einrichtungen der Alexianer Aachen GmbH auftreten können.

Es handelt sich häufig um Konflikte zwischen der Selbstbestimmung der Patientinnen und Patienten oder Klientinnen und Klienten auf der einen Seite und dem gebotenen Handeln der professionellen ärztlichen, pflegerischen oder sozialpädagogischen ‚Helferinnen und Helfer‘ auf der anderen Seite.

Ein Beispiel: Ein Patient oder eine Klientin vernachlässigt die Körperpflege, fühlt sich selbst damit aber wohl.

Wann ist der Punkt erreicht, den Sozialdienst oder das Gesundheitsamt einzuschalten oder Ambulant Betreutes Wohnen einzurichten, obwohl der Patient oder die Klientin die Notwendigkeit nicht erkennen?

 Solche Situationen können zu Konflikten führen. Die Betroffenen selbst, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch die Angehörigen können solch eine Frage zur Fallbesprechung ins Ethik-Komitee einbringen. Wir hören die verschiedenen Parteien an, respektieren die jeweilige Meinung, überlegen gemeinsam – und kommen zu einer Einschätzung.

Wir liefern keine Lösung im Sinne von ‚richtig oder falsch‘, sondern versuchen, einen Weg zu finden, der die Autonomie und Würde aller Beteiligten wahrt.

Dr. Carmen Oberkrome, Fachärztin in der Psychiatrischen Institutsambulanz, Stellvertretende Vorsitzende des Ethik-Komitees

In meiner Arbeit als Palliativmedizinerin ging es häufig um die Frage angemessener Therapieziele am Lebensende. Die Herausforderung bestand darin, mit dem Patienten oder der Patientin gemeinsam eine Therapiezieländerung zu besprechen, die ein Ende der kurativen Therapie einschließt und mehr zu einer Behandlung belastender Symptome wird, wodurch sie eine Verbesserung der individuellen Lebensqualität bewirkt.

Ist es bei psychiatrischen Krankheitsbildern anders?

Psychiatrische Krankheitsbilder stellen uns vor andere Herausforderungen. Die Krankheitsverläufe in der Psychiatrie sind, etwa bei schwersten chronischen Erkrankungen, nicht absehbar. Ethische Fragen, die sich daraus ergeben könnten, sind zum Beispiel: Was bedeutet Lebensqualität  für jede Einzelne und jeden Einzelnen? Inwieweit können Behandler oder Betreuerinnen individuelle Wünsche auf Therapieverzicht oder Verzicht von Pflege und Wundversorgung begleiten?

Unsere individuellen Fallberatungen werden durchgeführt, wenn es zu diesen schwierigen, moralisch kontrovers diskutierten Gegebenheiten in Grenzsituationen kommt. In einer multidisziplinären Gruppe versuchen wir, individuelle und zum Teil unkonventionelle Ideen zu entwickeln, und stellen uns unseren Patienten und Patientinnen oder Klienten und Klientinnen beratend oder unterstützend zur Seite.

In den Besprechungen kristallisieren sich verschiedene Standpunkte der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, auch der verschiedenen Professionen, heraus. Dies ist extrem bereichernd und interessant. Oft wird dadurch deutlich, dass  es niemals nur einen richtigen oder falschen Weg gibt, nicht nur Weiß oder Schwarz, sondern viele verschiedene Farben dazwischen.“


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