Tipps zur seelischen Gesundheit bei fortdauernden Ausgangsbeschränkungen in Zeiten des Corona-Virus

Privatdozent Dr. med. Michael Paulzen, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Alexianer Krankenhaus Aachen
Privatdozent Dr. med. Michael Paulzen, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Alexianer Krankenhaus Aachen

, Alexianer Aachen GmbH

Das Corona-Virus betrifft in erster Linie den Körper – aber wer laufend die Nachrichten verfolgt, dazu angehalten ist, soziale Kontakte zu minimieren, sich an Ausgangsbeschränkungen zu halten oder gar in häusliche Quarantäne zu gehen, dem kann das auch aufs Gemüt schlagen. Doch es gibt viele Möglichkeiten, die Ängste vor dem Virus in den Griff zu bekommen, die eigene seelische Gesundheit und die von Freunden und Familie zu schützen und zu pflegen. Dies ist umso wichtiger, um sich im seelischen Gleichgewicht auch an die fortdauernden Ausgangsbeschränkungen zu halten.

„Das Corona-Virus verändert unseren Alltag substanziell. Das alles kann als anstrengend oder sogar belastend erlebt werden. Viele wünschen sich Tipps zur seelischen Gesunderhaltung in diesen außergewöhnlichen Zeiten“, weiß Privatdozent Dr. med. Michael Paulzen. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Ärztlicher Direktor und Chefarzt des Alexianer Krankenhauses Aachen.

Die Alexianer veröffentlichen deshalb konkrete Empfehlungen zur seelischen Gesundheit in Belastungssituationen. Sie beziehen die Empfehlungen verschiedener Fachgesellschaften ein und ergänzen diese.

Beschaffen Sie sich Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen

Beschränken Sie sich selbst darauf, nur Informationen aus Quellen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Europäischen Kommission oder verlässlichen nationalen Organisationen zu beziehen. In Deutschland sind das vor allem das Robert-Koch-Institut, Ministerien und Gesundheitsämter. Vertrauen Sie auf diese glaubwürdigen Informationsquellen und nicht auf solche, die durch Fehlinformationen Angst und Panik schüren.

Setzen Sie sich selbst ein Limit bei COVID-19-Nachrichten

Versuchen Sie, exzessive Mediennutzung zu vermeiden. Ständiges Warten auf Neuigkeiten und das ständige Neuladen des Social-Media-Feeds können Sorgen verstärken. Überlegen Sie, ob Sie nicht vielleicht Benachrichtigungen auf dem Handy ausschalten und eine bewusste „Nachrichten-Pause“ einlegen. Sich beim Lesen, Hören und Ansehen von Nachrichten ein Limit zu setzen, ermöglicht es Ihnen, sich stattdessen auf den Alltag zu konzentrieren und auf die Lebensbereiche, die sie selbst beeinflussen können. So vermeiden Sie Gedankenspiele wie „was wäre, wenn …“. Die WHO empfiehlt, sich hauptsächlich dann an (ausschließlich faktische) Informationen zu halten, wenn es um praktische Schritte der Vorbereitung und des Schutzes Ihrer selbst und der anderen geht.

Passen Sie auf sich auf!

Selbstfürsorge bedeutet in Zeiten des Corona-Virus, sich auf das zu konzentrieren, was man selbst in der Hand hat und kontrollieren kann (z. B. angemessene Hygiene) statt auf das, was man nicht beeinflussen kann (z. B. das Virus zu stoppen). Leben Sie Ihren Alltag und Ihre Routinen, wo es geht: Essen Sie gesund, schlafen Sie genug, machen Sie Dinge, die Sie genießen. Überlegen Sie, eine neue tägliche Routine, die Ihre seelische Gesundheit und eine positive Einstellung in den Mittelpunkt stellt. Aktivitäten wie ein Spaziergang, Meditation oder Fitness können Ihnen helfen, sich zu entspannen und werden sich positiv auf Ihre Gedanken und Gefühle auswirken. Die Mental Health Foundation, eine europäische Nichtregierungsorganisation (https://www.mhe-sme.org/covid-19/), empfiehlt beispielsweise, auch Chancen in der Situation zu sehen – z. B. dass man endlich mal wieder genug schläft. Besonders für Menschen in Gesundheitsberufen ist es wichtig, auf die eigenen Grundbedürfnisse zu achten und sich zwischen den Schichten auszuruhen, auch und gerade weil sich in Krisenzeiten Überstunden und Stress häufen.

Halten Sie Kontakt und unterstützen Sie die Menschen in Ihrem Umfeld

Mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben, kann Stress reduzieren. Mit ihnen über Sorgen und Gefühle zu sprechen, hilft womöglich, mit den Herausforderungen der Krise besser umzugehen. Wer Unterstützung und Fürsorge erfährt, dem gibt das ein Gefühl von Sicherheit. Anderen Hilfebedürftigen zu helfen und mit jemandem Kontakt aufzunehmen, der sich vielleicht allein fühlt oder sorgt, hilft sowohl dem, der unterstützt wird, wie auch dem Unterstützenden. Viele Menschen fragen sich auch, was sie im Quarantänefall tun würden. Auch wenn die Vorstellung von Selbst-Quarantäne erschrecken mag, behalten Sie im Hinterkopf, dass es nur eine temporäre Maßnahme ist und dass es viele digitale Möglichkeiten gibt, regelmäßig mit anderen Kontakt aufzunehmen.

Bleiben Sie hoffnungsvoll und denken Sie positiv

Versuchen Sie, sich auf die positiven Dinge im Leben zu konzentrieren. Die WHO empfiehlt, gezielt nach Informationsquellen zu suchen, die positive Nachrichten von Menschen aus der Region verbreiten, die an COVID-19 erkrankt waren und wieder genesen sind. Oder Geschichten von Menschen, die eine geliebte Person im Genesungsprozess begleitet haben und bereit sind, ihre Erfahrungen zu teilen.

Erkennen Sie Ihre Gefühle an

Es ist ganz normal, in der derzeitigen Situation große emotionale Reaktionen zu zeigen, sei es, sich überwältigt zu fühlen, gestresst, ängstlich oder traurig. Erlauben Sie sich diese Gefühle, nehmen Sie sie wahr und drücken Sie sie aus, z. B. in dem Sie sie im Tagebuch festhalten, mit anderen darüber sprechen, sie kreativ verarbeiten oder meditieren.

Nehmen Sie sich Zeit, mit (Ihren) Kindern über die Situation zu sprechen

Auch Kinder brauchen Hilfe im Umgang mit Stress und Schutz vor der Corona-Pandemie. Beantworten Sie ihre Fragen und erklären Sie Fakten über das Virus, die für Kinder verständlich sind. Reagieren Sie unterstützend, haben Sie ein offenes Ohr für die Sorgen der Kinder, und geben Sie Ihnen eine Extraportion Zuneigung, Aufmerksamkeit und Unterstützung. Zeigen Sie den Kindern, dass sie in Sicherheit sind, aber auch, dass es ok ist, traurig zu sein. Zeigen Sie ihnen, wie Sie selbst positiv mit Stress umgehen, damit sie von Ihnen lernen können.

Nutzen Sie Ihre spirituellen und geistlichen Ressourcen

Wenn Sie gläubig sind, können Sie aus dem persönlichen Gebet Kraft, Zuversicht und Hoffnung schöpfen, um die schwierige Situation durchzustehen. In der Bibel finden Sie viele Psalmen, in denen es um den Beistand Gottes in der Not geht. Der Glaube kann Ihnen dabei helfen, über die vermeintlichen eigenen Grenzen hinauszugehen, aber vor allem auch Grenzen zu akzeptieren, die außerhalb Ihrer Einflussmöglichkeiten liegen. Wenn Ihnen ein seelsorgliches Gespräch guttut, wenden Sie sich an die Kirchen. Sie bieten inzwischen viele Kontaktmöglichkeiten, auch in Zeiten von Ausgangsrestriktionen.

Kurz und Bündig – Tipps für den Alltag:

  1. Strukturieren Sie Ihren Tag.
  2. Planen Sie Aktivitäten zur Gesunderhaltung, nutzen Sie diese regelmäßig.
  3. Nutzen Sie Ihre Stärken, um positive Aktivitäten durchzuführen.
  4. Bleiben Sie im Austausch – sprechen Sie jeden Tag mit jemandem, auch wenn es nur kurz ist. Nutzen Sie das persönliche Wort am Telefon.
  5. Bewegen Sie sich – mindestens zweimal 15 Minuten am Tag.
  6. Auch „schlechte“ Gefühle sind erlaubt.
  7. Versuchen Sie am Ende des Tages, an etwas Positives zu denken, schreiben Sie es auf.
  8. Schaffen Sie sich auch Rückzugsmöglichkeiten, wenn Sie mit jemandem zusammenleben.

 

Holen Sie sich professionelle Unterstützung

Befolgen Sie Schutz- und Präventionsempfehlungen der Profis aus dem Gesundheitswesen. Wenn Sie das Bedürfnis nach professioneller Unterstützung haben, scheuen Sie sich nicht, Kontakt zu einer professionellen Beratungsstelle aufzunehmen.

„Informieren Sie sich über Hilfsangebote und nutzen Sie diese“, rät Dr. Paulzen: „Und wenn Sie Unsicherheit verspüren, erinnern Sie sich aktiv selbst daran, dass die Krise vorübergehen wird. Jede und jeder von uns hat eine innewohnende natürliche psychische Widerstandsfähigkeit, um mit Mut und Besonnenheit nach vorne zu schauen. Das ist eine sinnvolle Bewältigungsstrategie.“

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