Individuell und vielseitig

Der Alexianer Wohn- und Beschäftigungsverbund Aachen betreibt am Gemmenicher Weg in Aachen-Kronenberg die Einrichtung Maria Haus. Bestens angebunden an die Stadt Aachen, auf dreieinhalb Hektar Fläche, in der freien Natur und dennoch zentrumsnah. Maria Haus steht für Wohnen, Tätig-Sein, Freizeit und Begegnung.

Maria Haus umfasst auf dem weitläufigen Gelände mehrere Angebote in verschiedenen Gebäuden:

  • Im Wohnheim leben 24 Menschen mit einer psychischen Behinderung.
  • Fünf Miet-Apartments ermöglichen Wohnen im Sozialraum mit ambulanter Betreuung.
  • Das Ambulant Betreute Wohnen begleitet von hier aus rund 30 Menschen mit Behinderung in der eigenen Wohnung in den Stadtteilen Kronenberg, Steppenberg, Vaalserquartier und Preuswald.
  • Und rund 60 Menschen mit Beeinträchtigung finden Tag für Tag soziale Kontakte und eine sinnvolle Betätigung. Denn Maria Haus ist auch ein von Bioland-zertifizierter Bauernhof, der außerdem einem Bioladen, einem Streichelzoo, einer Holz- und einer Metallwerkstatt Platz bietet.

Maria Haus ist ein Idyll Maria Haus ist ein Idyll – aber kein Kitsch. Hier wird gewohnt, gearbeitet, gelebt. Das 2005 mit Förderung der Aktion Mensch neu errichtete backsteinrote Wohnheim strahlt Modernität und Behaglichkeit aus. Gleich dahinter beginnen Blumen- und Gemüsefelder.

Ein Kräutergarten, Gewächshäuser, grünes Land. Unter qualifizierter Anleitung sind die Menschen mit Behinderung in tagesstrukturierenden Maßnahmen tätig, unter anderem in der Feld- und Gartenarbeit, im Verkauf, in der Herstellung von Nistkästen, beim Reifenwechsel oder in der Tierpflege. So können sie ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten erproben, anderen begegnen und eine (Wieder-)Hinführung an Arbeit als sinnstiftenden Lebensbestandteil erfahren. Doch Achtung: Maria Haus ist keine abgeschottete Insel. Im Gegenteil: Der Bioladen zieht viele Kunden an. Kindergärten, Schulklassen und Ausflügler kommen gern zu Besuch. Veranstaltungen wie der jährliche inklusive Kunsthandwerkermarkt locken zusätzlich viele Menschen an. Was sich hier unkompliziert vollzieht, ist Begegnung im Alltag: zwischen Generationen, von Stadt und Land, von Menschen mit und ohne Behinderung.

Dezentralisierung konsequent umgesetzt

Maria Haus ist ein typisches Beispiel für die Eingliederungshilfe der Aachener Alexianer. Die Entwicklung begann 1990. Bis dahin lebten Menschen, die dauerhaft Unterstützung benötigten, als sogenannte Langzeitpatienten vorwiegend noch im Krankenhaus. Im Zuge einer allgemeinen Öffnung der Psychiatrie begann die Enthospitalisierung und Dezentralisierung. Während 1991 noch 260 „Langzeitpatienten“ in Mehrbettzimmern im Alexianer Krankenhaus lebten, verfügt der Wohn- und Beschäftigungsverbund heute über sechs stationäre Wohneinrichtungen mit 120 Wohnplätzen sowie zahlreiche ambulante Wohn- und Tagesstrukturangebote für Menschen mit Behinderung, verteilt auf die Sozialräume der Stadt und StädteRegion Aachen.

„Wir haben die Dezentralisierung und Enthospitalisierung konsequent umgesetzt“, betont Birgit Nievelstein, Direktorin Fachbereich Wohnen und Sozialraumleiterin West des Alexianer Wohn- und Beschäftigungsverbundes Aachen. Gefördert wurde diese Entwicklung wesentlich durch die Aktion Mensch und die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW.

Warum Dezentralisierung wichtig ist?

„Stellen Sie sich vor, Sie sollten dauerhaft in einem Krankenhaus oder in einer großen Komplexeinrichtung leben“, antwortet Nievelstein. „Das möchte niemand. Auch Menschen mit Behinderung möchten das nicht. Jeder von uns wünscht sich sein Leben in einem selbst gewählten und gestalteten Umfeld, sozial integriert und mit allen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe.“ Deshalb sind heute alle Angebote der Alexianer Eingliederungshilfe in Aachen inklusiv und sozialräumlich ausgerichtet.

Dabei ist ein Sozialraum der Ort, an dem ein Mensch wohnt, arbeitet und gesellschaftlich verankert ist. Die Alexianer stellen in ihren Sozialräumen von Walheim bis Stolberg und von Haaren bis Preuswald, genau das sicher: An dem Ort, an dem Klientinnen und Klienten leben (sei es stationär oder ambulant betreut), können sie auch einem Betätigungsangebot nachgehen und soziale Kontakte pflegen. „Sie können, aber sie müssen nicht“, unterstreicht Nievelstein. „Die Sozialräume sind durchlässig. Die Klienten sind frei in ihrer Wahl, wo sie welches Angebot wahrnehmen möchten.“

Sozialraum = Zuhause Ein Klient lebt seit 20 Jahren im Wohnheim Maria Haus. Noch im Altbau gestartet, bewohnt er später ein Einzelzimmer mit eigenem Bad in einer von vier familiär gestalteten Wohngruppen. Im Wohnheim werden die Bewohner rund um die Uhr durch Fachpersonal betreut, sodass sie durch individuelle Hilfen ein Leben mit größtmöglicher Selbstbestimmtheit führen können. Er erlebt Maria Haus nicht als Wohnheim. Es ist ganz einfach sein Zuhause.

In der Patienten- und Klientenzeitschrift der Alexianer Aachen GmbH schreibt er einmal: „Ich bin vor 20 Jahren hierhergekommen. Wir hatten damals noch Zweimannzimmer und zwei Duschen für 25 Leute. […] Im Frühjahr werden die Felder und Äcker bestellt, und ein paar Monate später sieht man schon den Erfolg: Salate, Möhren, Kartoffeln, Sellerie, Mangold, Radieschen, also alles Mögliche. […] Für unsere Erdbeeren kommen die Kunden extra aus Holland und Belgien. […] Und wir kümmern uns gut um unsere Tiere. Wir haben Hühner, Ziegen und Schafe. Jetzt haben wir noch dazu einen kleinen Streichelzoo, und da sind Meerschweinchen, Enten und Kaninchen drin. […] Heute wohnen wir direkt nebenan in einem Neubau. Dort hat jeder sein eigenes Zimmer mit eigener Dusche. Das ist viel besser so. […] Hier auf Maria Haus wird an Weihnachten, Erntedank und zum Beispiel Ostern auch gefeiert. Das ist immer superschön. Ich hoffe, ich darf noch lange auf Maria Haus bleiben. Am liebsten noch mal 20 Jahre …“

Begleitung als Prozess

Wer Menschen mit Behinderung über einen so langen Zeitraum hinweg begleitet, kann Begleitung nur als Prozess verstehen.

Unser Ziel ist es, unsere Klienten so zu unterstützen, dass sie möglichst autonom leben können. Das geht nur durch eine individuelle Begleitung. Am schönsten ist natürlich, wenn wir Klienten aus dem Wohnheim in die eigene Wohnung begleiten können oder aus einer Tagesstruktur auf den ersten Arbeitsmarkt.

Birgit Nievelstein

„Aber“, sagt Birgit Nievelstein nachdrücklich: „Wir dürfen auf keinen Fall den Fehler begehen, unsere Klienten zu überfordern. Für manche ist der Wechsel in die eigene Wohnung oder auf den ersten Arbeitsmarkt kein realistisches Ziel. Auch das ist Inklusion: Sich selbst und den Klienten gegenüber ehrlich zu bleiben.“

Komplexe Unterstützung Dabei können die Klienten, wenn sie das möchten, unter dem Dach der Aachener Alexianer neben der Eingliederungshilfe weitere Leistungen nutzen, zum Beispiel die Ambulante Pflege, wenn sie beim Übergang in die eigene Wohnung oder in einer Krise einmal intensivere Unterstützung benötigen. Auch fachärztliche Hilfe ist über die Institutsambulanzen des Alexianer Krankenhauses Aachen bei Bedarf schnell zur Stelle.

So ist das Angebot für die Klienten tatsächlich umfassend. Und individuelle Lösungen zu finden, ist in der Eingliederungshilfe der Aachener Alexianer Programm. Doch auch Inklusion kennt Schwierigkeiten. „Natürlich gibt es auch Fälle, in denen sich ein sozialräumliches Wohnen, Leben, Arbeiten nicht realisieren lässt“, stellt Nievelstein sachlich fest. „In Einzelfällen betreuen wir Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf und Unterbringungsbeschluss, deren Verwirrtheit oder Aggressivität ein Leben in der Gemeinde nicht zulässt. Sie leben heute oft als sogenannte ‚Bewahrfälle‘ etwa in Kliniken. Unser Wunsch an Politik und Kostenträger wäre, dass es für sie neue Wohnmodelle gäbe – auch geschützte –, die ihren individuellen Bedürfnissen besser gerecht werden.“


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